Liebe Wanderfreunde,

nach einer Woche, die uns vom Deutschen Wetterdienst ganz anders versprochen wurde – geplant waren Sturm, Eis und Schnee. Oder vielleicht auch nur ein paar kĂŒhlere Tage ? Die kurze Periode der SchafskĂ€lte, ermöglichte uns, so manche Vorbereitungsarbeiten fĂŒr die anstehenden SĂ€chsischen Naturistentage zu leisten. Aus Sicht des Nacktwanderers ist der Unterschied zwischen kĂŒhlen Temperaturen und „Sturm, Eis und Schnee“ manchmal nur schwer auszumachen đŸ˜„ â€Š

Unser lieber Rainer wĂŒnschte sich eine Wanderung durch eine Klamm, bei Temperaturen um die 28 Grad, wollten wir diesem Wunsch natĂŒrlich entsprechen. Doch schon wieder ins Kirnitzschtal, wollten wir dann doch nicht und auch das Polenztal besuchten wir erst in der vergangenen Woche. Im Uttewalder Grund waren wir hingegen schon lang nicht mehr, im Hochsommer einer der letzten Orte in der SĂ€chsischen Schweiz, mit angenehmen Temperaturen. Damit die Wanderung nicht gar so langweilig wird, ging es ĂŒber den Hirschgrund hinauf in Richtung Bastei – geplant waren zusĂ€tzlich die Schwedenlöcher, doch Andrea wollte unnötige Menschenansammlungen lieber vermeiden. Ob es an ihrem Promi-Status lag ? Sie war schließlich Hauptinterviewte zum Thema „Therapeutisches Sportklettern“ im vierten Teil der fĂŒnfteiligen Dokumentation „Bergwacht – Einsatz in der SĂ€chsischen Schweiz“. Alternativ kann es vielleicht einfach an den vielen Menschenmassen liegen und so entschieden wir uns recht frĂŒh, die Schwedenlöcher und den Wasserfall am „Oberen Amselfall“ auszulassen.

Die ersten Meter der Wanderung legten wir durch Stadt Wehlen und den noch etwas vertrĂ€umten Markt zurĂŒck, nur einige wenige Touristen genossen schon den Kaffee und Kuchen am CafĂ© MarktstĂŒbchen. Über die Mennickestraße ging es vorbei an so manch stattlicher Buche, an der wir der Frage nachgingen, wieviele Hochwasser sie wohl schon erleben durfte ? Das FrĂŒhjahrshochwasser im Jahre 1845 könnte ihr Erstes gewesen sein, doch auch die Jahrhundertflut von 2002 und das August-Hochwasser 2013 ĂŒberstand sie nahezu unbeschadet. Kurze Zeit spĂ€ter vernahmen wir das Pfeifen des Elbdampfers „Pirna“, der natĂŒrlich auf digitalen Film festgehalten wurde â€Š

Kurz darauf ging es auch schon in den Schwarzberggrund – endlich konnte die Wanderbekleidung aus dem Rucksack hervorgeholt werden. Des Wanderers neue Kleider, hatten den Vorteil, dass sie schön luftig sind – ein Schwitzen ist garantiert ausgeschlossen und so konnte der erste Anstieg problemlos bewĂ€ltigt werden. Auf dem Haldenweg angekommen, wollte Christian sogleich den direkten Weg zum Steinernen Tisch nehmen, auch wenn es „Im Zweifel immer bergan“ heißt, sollte es diesmal durch den Hirschgrund gehen.

Da die Wanderung grĂ¶ĂŸtenteils fĂŒr Barfußwanderer geeignet ist, entschieden sich Andrea, Roberto und meine Wenigkeit dafĂŒr, die Schuhe gleich im Auto zu belassen, so war auch der Blick nach unten vorprogrammiert. Wie so oft kamen wir dabei nicht drumherum, uns auch mal zu bĂŒcken und den MĂŒll einzusammeln, der von einigen Textilwanderern fallen gelassen wurde. Doch der stete Blick nach unten gewĂ€hrte auch den Blick auf den ein-oder-anderen Waldbewohner – beinahe von Textilwanderern dem Tode geweiht, welche an uns vorbeizogen, wĂ€hrend wir die Kameras auspackten. Es empfiehlt sich eben auch mit Schuhen und Klamotten den Blick nach unten zu werfen, um so die kleinen Waldarbeiter schĂ€tzen zu lernen đŸ˜‰ â€Š

Die Goldleiste, lateinisch „Carabus violaceus“, kommt fast in ganz Europa vor und zĂ€hlt zur Familie der LaufkĂ€fer. Zu erkennen ist der 22 bis 35 Millimeter große KĂ€fer an seiner schwarzen FĂ€rbung, sowie an den rotvioletten, blauen oder blaugrĂŒnen RĂ€ndern des Halsschildes, sowie des schmalen Saums an den DeckflĂŒgeln ( hier ein blaugrĂŒnes Exemplar, wie sie des Öfteren in unserer Heimat vorkommen ).

Unser Weg fĂŒhrte uns an einigen SteinbrecherhĂŒtten vorbei, Roberto kam natĂŒrlich nicht umher, zu fragen, ob August der Starke hier ebenfalls zu Gange war, denn der Steinerne Tisch – einem unserer Ziele der Wanderung – wurde 1710 anlĂ€sslich einer Jagd des KurfĂŒrsten errichtet. Auch wenn er den SĂŒdaufstieg des Liliensteins nahm, möchte ich doch bezweifeln, dass August zur Jagd den beschwerlichen Aufstieg durch den Hirschgrund nahm – auch wenn der Name verlockend fĂŒr einen JĂ€ger klingt. An der Karl-Stein-HĂŒtte, heute im Besitz des Deutschen Alpenvereins, grĂŒĂŸten wir einen Kletterer, der gerade sein FrĂŒhstĂŒck zu sich nahm und kurz darauf erreichten wir auch schon die „Turnvater-Jahn-HĂŒtte“. Friedrich Ludwig Jahn initiierte die deutsche Turnbewegung, die auch mit der frĂŒhen Nationalbewegung verknĂŒpft war, um die deutsche Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung vorzubereiten. Aus dem von ihm begrĂŒndeten Turnen ging unter anderem die heutige Sportart GerĂ€teturnen hervor. Zahlreiche TurngerĂ€te wie beispielsweise das Reck und der Barren wurden von ihm eingefĂŒhrt. 1848 wurde er Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. „Turnvater Jahn“, ĂŒbernahm fĂŒr den Turner-Wahlspruch einen studentischen Spruch aus dem 16. Jahrhundert:

Frisch, fromm, fröhlich, frei

- Wahlspruch der Turner -

Wer denkt dabei nicht an Theo Lingen als Direktor Taft aus der siebenteiligen Fernsehreihe „Die LĂŒmmel von der ersten Bank“ đŸ˜‚ ?

Neben der Turnvater-Jahn-HĂŒtte befand sich der Aufstieg zum Hirschgrund. Die ersten Höhenmeter wurden problemlos genommen, da fiel sogar Christian kurz ein, dass ihm der Weg bekannt vorkommt: Rechter Hand geht es hinauf zum Wartturm und der Rahmhanke, doch unser Weg fĂŒhrt uns diesmal weiter durch den Hirschgrund, denn wir wollten hinauf zum Fremdenweg. Ganz so einfach sollte die Route – ob der sommerlichen Temperaturen – dann doch nicht werden, denn im weiteren Verlauf des Grunds steigt die Schwierigkeit an und es darf ĂŒber einige Steine geklettert werden. Rainer und Christian – mit kleinem Vorsprung – nahmen die „Stiege“ ohne Probleme, doch Andrea wollte ihr Knie schonen und so musste etwas improvisiert werden. Die helfende Hand wollte sie dann doch nicht nutzen, ob es daran lag, dass ich sie an das „Therapeutische Sportklettern“ erinnerte ? Sie meinte nur, dass auch jetzt auf Arbeit immer mal wieder der Spruch von so mancher Kollegin kĂ€me, wenn es ihr mal nicht gut geht. Jetzt ist sie eben ein kleiner Star – auch wenn sie es nicht so richtig nachvollziehen kann, warum ausgerechnet sie hauptsĂ€chlich interviewt wurde. Vielleicht liegt es ja an ihrer offenen Art ?

Die letzten Meter des Hirschgrunds stellten uns vor keine nennenswerten Herausforderungen und so fanden wir uns alsbald auf dem Fremdenweg wieder. Es wurde Zeit fĂŒr unsere Mittagspause, doch wo sollten wir auf dem Haupttouristenweg zwischen Bastei und Steinerner Tisch ein ruhiges PlĂ€tzchen finden ? Die Antwort ward schnell gefunden, denn Christian und Rainer saßen bereits auf einem umgestĂŒrzten Baum und genossen eine kurze Pause. Kurzerhand entschieden wir uns diese auszudehnen. Von Zeit zu Zeit zogen vereinzelte Gruppen freundlich grĂŒĂŸend an uns vorbei, ab und an kamen wir auch kurz mit ihnen ins GesprĂ€ch.

Jede Pause kennt einmal ihr Ende und so ging es weiter in Richtung des Steinernen Tischs. Wir trafen auf ein Ă€lteres Ehepaar, die sich kurzerhand entschlossen, mit dem 9€-Ticket in die SĂ€chsische Schweiz zu fahren. Dabei kam heraus, dass sie mit FKK ĂŒberhaupt kein Problem haben und sie wollten wissen, wie denn so die entgegenkommenden Wanderer auf uns reagierten. Wir verwiesen auf den Vorteil der DDR und der Freikörperkultur, die uns so den Weg ebnete, denn wenn man mit den Menschen Ă€lterer Generation ins GesprĂ€ch kommt, erfĂ€hrt man hĂ€ufig, dass diese frĂŒher im Garten selbst FKK betrieben, barfuß durch den Wald liefen oder sich am Strand streifenfrei brĂ€unten.

Roberto verwies ich noch kurz auf den Steinernen Tisch – von einer Gruppe Wanderer allerdings in Beschlag genommen, bevor es ĂŒber den SteinrĂŒckenweg in Richtung Basteistraße ging. FĂŒr ein kurzes StĂŒck mussten wir der Straße zurĂŒck in Richtung Bastei folgen, um zum Basteiweg zu gelangen. Wir nahmen diesen – abseits der Straße, um in Richtung des Rathewalder Fußwegs zu laufen. Ab hier wurde es dann auch etwas steinig fĂŒr die Barfußwanderer, doch wir bissen die ZĂ€hne zusammen und gelangten so schließlich zum Torwiesenweg. Da der Basteiweg direkt in Richtung der gleichnamigen Aussicht fĂŒhrt, war es verstĂ€ndlich, dass hier so einige Wandergruppen unterwegs waren – so bekamen wir das ein-ums-andere Mal sehr freundliche Aussagen zu hören, wie „Nacktwandern ist Trend“ oder „Nacktwandern ist in Sachsen normal“. Die mediale AufklĂ€rung und fast ganzjĂ€hrige PrĂ€senz zeigen Wirkung und es gelingt uns so auch immer wieder Menschen fĂŒr unseren Lebensstil zu begeistern đŸ˜‰.

Am Torwiesenweg angekommen, kam es dann zu einer interessanten Diskussion zwischen Rainer und Roberto: Was wĂ€chst denn hier fĂŒr ein Getreide ? Unser „alter Bauernjung“ Rainer erkannte sofort, dass es sich hier um Gerste handelte, doch Roberto meinte, dass dies Roggen sei. Fortan ging es um die LĂ€nge der Grannen, als auch vieler andere Eigenheiten der Gerste. Am Ende setzte sich Rainer dann durch – zwischenzeitlich wurde sogar die App „Seek“ bemĂŒht â€Š

Über den Weg der Achtsamkeit nĂ€herten wir uns dem Uttewalder Grund, doch zunĂ€chst einmal galt es erneut die ZĂ€hne zusammenzubeißen ( gut so schlimm war es dann doch nicht, aber das Durchschnittstempo sank doch betrĂ€chtlich ). Der steinige Weg verlangte der Hornhaut schon so Einiges ab, wohl auch deswegen kam er so zu seinem Namen: Gib Acht, wo du hintrittst, auf diesem Weg. Erneut am Basteiweg angekommen, begrĂŒĂŸten uns einige Auto- und Busfahrer auf ihrem Weg zum Basteiparkplatz. Wir folgten dem Sandweg – mit wesentlich freundlicherem Untergrund und kamen auch an so einigen HeidelbeerstrĂ€uchern vorbei â€Š es war verstĂ€ndlich, dass Andrea und Roberto hier eine Pause einlegten. Ich erinnerte Rainer an Frank aus Marienberg, der hier sein Mittagessen nachgeholt hĂ€tte đŸ˜„.

Von nun an geht’s bergab, denn ĂŒber den Knotenweg gelangten wir in den Uttewalder Grund – der Kluftsteig mit seinen Stufen trennt uns vom kĂŒhlen Grunde, dessen Öffnung in Richtung Norden zeigt und es somit auch im Hochsommer ertrĂ€glich fĂŒr Wanderer funktioneller Wanderbekleidung macht. Wen wir hiermit wohl meinen ? Auch wir tragen letztendlich dem Wanderstil angepasste Kleidung đŸ˜‰ â€Š

Noch im Schleifgrund, der sich, wie der Wehlener Grund dem Uttewalder Grund anschließt, entschied sich Roberto fĂŒr die Besteigung eines nahen Steins – das weiterfĂŒhrende Ziel, die Krone der umgestĂŒrzten Buche ließ er dann doch lieber aus.

Kurz zuvor trafen wir auf eine junge Familie, mit der wir uns sehr nett unterhielten und ich wies sie auf die VorzĂŒge des Nacktwanderns hin. Sei es nun der direkte Kontakt zur Natur, denn egal ob es Wind, Sonne oder Regen ist, man spĂŒrt seine Umgebung viel intensiver, als dies mit Bekleidung möglich ist oder die positive Einwirkung aufs Immunsystem – eine ErkĂ€ltung hatte ich zuletzt vor mehr als sechs Jahren ( noch vor der Nacktwanderzeit ) und auch COVID kenne ich so nur aus ErzĂ€hlungen von Freunden.

Letztes Highlight der Wanderung war das Uttewalder Felsentor, einmal â€Š nein doch zweimal Kopf einziehen und es konnte weiter durch den Grund unterhalb des namensgebenden Dörfchens gehen. Es ging vorbei am Restaurant „Waldidylle“, gen Zscherregrund und Wettinweg. Dass es hier so voll sein wĂŒrde, war echt erstaunlich und doch grĂŒĂŸten alle entgegenkommenden Wanderer freundlich. Unterhalb des Gedenksteins zu Ehren Friedrich MĂ€rkels bogen wir auf den Weg ab, der parallel zum asphaltierten Wehlener Grund verlĂ€uft, eine letzte Pause genossen wir etwa 500 Meter entfernt, denn Rainer’s Rucksack war noch prall gefĂŒllt mit so mancher Leckerei, die unbedingt noch verteilt werden wollte. Christian schloß sich der Runde an und verteilte einige kleine LikörflĂ€schchen, so dass der Tag entsprechend gut ausklingen konnte. Von hier aus war es nur noch ein Katzensprung bis Stadt Wehlen und unterhalb des Burgbergs wurden die Klamotten dann doch wieder aus dem Rucksack geholt. Ein schöner Wandertag neigte sich dem Ende entgegen.

Ich hoffe, dass euch dieser Wanderbericht gefallen hat,
euer Martin

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Über Martin

NatĂŒrlich. Nackt. Frei. Seit Sommer 2015 haben diese drei Worte einen neuen Lebensweg fĂŒr mich geprĂ€gt. Ich war es leid, immer wieder die richtigen Klamotten in Schuh- oder BekleidungsgeschĂ€ften zu finden, nur um sie nach meiner nĂ€chsten Wanderung in die Waschmaschine werfen zu können. Der Bibel zufolge wurde der Mensch nackt von Gott erschaffen - wir sehen dies sogar heute bei jeder Geburt, dass niemand mit einer MĂŒtze geboren wird. Aber warum sollten wir Kleidung wĂ€hrend einer Wanderung tragen ? Schließlich sind wir ein Teil der Natur und je mehr wir den Kontakt mit dieser erfahren, um so eher sind wir gewillt diese zu schĂŒtzen. FĂŒr mich ist es daher wichtig, dass ich nicht nur meinen eigenen Körper der Natur aussetze, sondern dass meine Umwelt um mich herum geschĂŒtzt wird 


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