Liebe Wanderfreunde,

einen Tag Pause und weiter geht es. Der Sonnabend versprach nun wirklich mehr als genug Regen und aus unserem Besuch im böhmischen Teil des Nationalparks wurde nichts – so ging es nach Ustí zum Einkaufen. Einem Tag der Ruhe sollte am heutigen Sonntag eine Wanderung folgen, an der alles andere als Ruhe eingeplant war: Entlang der deutsch-tschechischen Grenze, die Ziele Königsplatz, Taubenstein und Weifbergturm vor Augen, eine genau geplante Route gab es diesmal nicht, nur die Ziele waren klar. Ob wir diese alle erreichen würden ? Lasst euch überraschen …

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Start war in Hinterhermsdorf, ganz am Ende der Republik, nur noch ein Stückchen Wald und einige dutzend Kilometer Wanderwege trennten hier Deutschland von seinem Nachbarn Tschechien. Vom Parkplatz unweit des „Haus des Gastes“ begaben wir uns den Hang hinauf in Richtung des Weifbergturms – dem ersten Ziel der heutigen Wanderung. Die Wetter-Apps waren sich etwas uneinig, ob es nun regnen würde oder nicht und so entschieden wir uns vorerst die Klamotten anzubehalten – es war auch einfach noch etwas zu frisch. Das Stativ als treuer Begleiter sorgte zumindest für zusätzliches Gewicht, so dass ich auch mit leichter Bekleidung ins Schwitzen kam – kein Wunder, wenn es knapp 170 Höhenmeter in 1,6 Kilometern hinauf geht …

Unser Weg verlief entlang der alten Nixdorfer Straße, einst Teilstück der alten Böhmerstraße, welche Böhmisch Kamnitz ( Cěska Kamenice ) ins sogenannte Niederland ( Nixdorf – Mikulášovice ) führte. Der Blick über die umliegenden Felder versprach ein Wolkenpanorama, mit einer gewissen Unsicherheit, ob da nicht doch noch was kommen würde. Der Deutsche Wetterdienst versprach trockene Bedingungen, während die Daten von „The Weather Channel“ etwas pessimistischer ausfielen. Am Weifbergturm angekommen, wurden sogleich die Metallstufen gezählt, denn irgendwo hier sollte ein Geocache liegen – um genau zu sein an der 113. Stufe. Zweimal waren wir bereits vor Ort, zweimal waren wir erfolglos. Wie sich herausstellt war die Suche dann doch ganz einfach, wenn man richtig zählt und vielleicht hatten wir bei unseren Versuchen in der Vergangenheit einfach auch nur etwas Pech, wurde doch der Turm im Jahre 2018 grundlegend renoviert.

Der Name des Weifbergs geht auf die frühere Leinweberei in der Gegend zurück. An den Teichen am Fuße des Berges wurde das Leingarn auf Haspeln, die man hier Weifen nannte, durch Wasser gezogen und in der Sonne getrocknet.

Kurz nachdem wir dann – nach erfolgreichem Fund – oben ankamen, vernahmen wir auch schon die ersten Regentropfen. Erik meinte noch, dass dies „nur der Wind in den Bäumen“ sei, doch spätestens mit den ersten Tropfen an der Hand wurde klar, dass es wirklich regnet. Die Amerikaner haben’s uns ja gesagt 😄. Nichts wie in die nahegelegene Schutzhütte und es wurde gewartet, bis der Schauer vorüber war. In der Zwischenzeit wurde nicht nur ein „Tiger“ aus dem Tesco in Děčín verspeist, sondern auch der frisch zubereitete Salat probiert. Gut eine halbe Stunde sollte uns der Regen erhalten bleiben – vertröstet wurden wir von Erik, der entgegnete, dass „der Regen in 10 Minuten durchgezogen“ wäre, doch es kam wie es kam: Anders. So blieb noch etwas Zeit, in den Fotos zu kramen, die auf dem Aussichtsturm entstanden …

Nach erwähnter halber Stunde hörte es aber dann doch endlich auf mit regnen und wir setzten unsere Wanderung fort. Am Schäferräumicht ließ Petrus noch einmal einige Tropfen auf uns herab, doch diese sollten uns nun auch nicht mehr stören, so wurde der Regenschutz über den Rucksack gezogen und Erik entschied sich, sein T-Shirt in selbigem zu verstauen. Über Schäferräumicht und Folgenweg ging es knapp 1,3 Kilometer in Richtung der Kreuzung zum Bammelweg – der Heidelbachweg wurde ignoriert, Ziel war schließlich Kilometer zu machen und wo kann man dies besser, als im Tal des Weißbachs, der das Grenzgewässer zwischen beiden Staaten markiert ?

So sehr wir uns über den Regen diesen Jahres auch beschweren, der Natur gefällt’s. So sehr, dass sie uns sogar zu so manchem Suchspiel innerhalb eines Fotos einlädt: Findet das zweiäugige Lebewesen im folgenden Foto 😉 …

Im Tal des Weißbaches angekommen, entschieden wir uns dann aber doch, die Klamotten in den Rucksack zu packen. Der vorangegangene Aufstieg über den Bammelweg ist da sicherlich nicht ganz unschuldig und so genossen wir die wenigen Sonnenstrahlen, welche sich ihren Weg durch die Wolkendecke bahnten. Der Weg entlang der Grenze verlief dabei nicht immer so einfach, wie wir ihn aus der Vergangenheit kannten, denn der Regen der letzten Wochen ließ so manchen Weg ordentlich aufweichen und so war das ein-ums-andere Mal zu hören, wie Christian seine neuen Schuhe im nassen Gras versenkte. Wohl dem, dessen Schuhe wasserdicht sind 😎.

Entlang des Weges begegneten wir immer wieder vereinzelten Pärchen, die sich vom „schlechten“ Wetter nicht abhalten ließen und wie so oft kamen wir auch kurz ins Gespräch, um für unseren Lebensstil zu werben. Als der Weißbach dann unweit eines Grenzübergangs in die Kirnitzsch mündete, entschied ich mich ( hauptsächlich Erik zuliebe ), die Grenze zu übertreten, so dass wir für ein Foto im böhmischen Ausland Platz nahmen. Bisher beschränken sich unsere Aktivitäten in Böhmen auf Fotos während einer Wanderung mit Start in Deutschland, doch es bleibt nach wie vor das Ziel, dies zu ändern. In der Vergangenheit haben wir ja bereits gelernt, dass manches Unterfangen mehrerer Anläufe bedarf.

Um so erfreulicher ist es, wenn das Ziel erreicht wird – diesmal war es noch nicht soweit, doch in unserer Auswahl der Wanderrouten gibt es bisher eine Wanderung im Zittauer Gebirge, welche überwiegend auf böhmischer Seite verläuft. Darüberhinaus arbeiten wir bereits an der nächsten Wanderregion – es kommt eben auch stark drauf an, ob Ed, unser Wanderfreund aus Prag die Zeit findet, mit den Freunden im Sandstein wandern zu gehen …

Für’s Erste reicht also ein Foto, bevor es zurück in heimische Gefilde geht. Als der Langewiesenweg in die Straße „An der Kirnitzsch“ überging, fand sich an der Wand eines vereinzelt stehenden Hauses ein Gedicht:

Ich bin der Wald,
ich bin uralt,
ich hege den Hirsch,
ich hege das Reh,
ich schütz euch vor Sturm,
ich schütz euch vor Schnee,
ich hüte die Scholle,
ich wahre die Quelle,
ich bau euch das Haus,
ich heiz euch den Herd,
drum ihr Menschen
haltet mich wert.

Wir verließen die Straße und begaben uns über den Wurzelbergweg hinab zur Kalkstraße und erreichten zugleich auch ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, an der heute noch eine Gedenktafel an die Gräueltaten jener Vorfahren erinnert, die der Meinung waren, dass Ausgrenzung und Vorurteile als „Werte“ betrachtet werden müssten: In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges führte Ende April 1945 der Todesmarsch der Häftlinge des KZ-Außenlagers Schwarzheide über Hinterhermsdorf und Hinterdaubitz nach Warnsdorf. Dabei erschoss die SS-Wachmannschaft acht Häftlinge.

In Hinterhermsdorf ermordete die SS-Wachmannschaft der Todeskolonne aus dem faschistischen KZ Schwarzheide die Antifaschisten Paul Fischer, Wilhelm Slatin, Herbert Altschul, Friedrich Kaufmann, Erwin Teichner, Kurt Altschul, den Polen Matiesky und einen Franzosen.

Wir verließen die Kalkstraße und bogen auf die Straße „An der Kirnitzsch“ ab. Die ersten Meter begleitete uns noch der Heidelbach, bevor die Kirnitzsch unser Begleiter wurde. Am nächsten Grenzübergang ( jener der Böhmischen Mühle ) ging es vorbei, ehe wir kurz darauf die Niedermühle erreichten. Auch hier sollte wieder ein Cache versteckt sein und nach kurzer Suche fand Erik ihn. Mit Blick auf das alte Wehr an der Niedermühle begab ich mich zunächst entlang der Kirnitzsch., um dies zu fotografieren, musste aber feststellen, dass das Ufer zu bewachsen war, um sich einen sicheren Weg zu bahnen. Kurzerhand wurde einfach die Niedermühle auf digitalem Film festgehalten …

Als wir in Richtung des Aufstiegs an der Niedermühle aufbrechen wollten, erblickten wir ein junges Pärchen, wie diese ratsuchend in die Wanderkarte schauten, da ich nicht nur hilfsbereit, sondern auch kontaktfreudig bin, fragte ich einfach kurzerhand nach, ob das Pärchen Hilfe bräuchte und gab ihnen den Tipp, dass der Wanderweg auf tschechischer Seite gesperrt sei, somit nur der Wettinweg auf deutscher Seite in Frage käme. Ich informierte die beiden ebenfalls, dass der Weg zwischen Oberer und Unterer Schleuse infolge der Baumsturzgefahr gesperrt sei und das ein Betreten grundsätzlich auf eigene Gefahr erfolge. „Wenn ein Baum auf euch stürzt, dann ist der Nationalpark unschuldig“, sagte ich, als die Antwort kam: „Im Nationalpark zu sterben ist doch ein schöner Tod“. Sie mögen recht haben, doch ist es dafür noch viiieeelll zu früh.

Etwas voraus blieben Christian und Erik auf einmal stehen, sie verwiesen auf eine Kröte, die auf dem Weg die Sonne genoss. Mit etwas Glück konnte man sie ja vielleicht auf Film festhalten, bevor sie davon springt ?

Wir verließen den Wettinweg und begaben uns hinauf in den Reißersgrund, vorbei an der Reißershöhle, an der es mal wieder etwas zu finden gab. Zeitweilig liefen wir auch durch die Kernzone – natürlich verließen wir hier nicht die Wege, liegt uns doch diese besondere Form der Schutzzone am Herzen, es gibt schließlich schon genug Stellen, die vom Menschen belastet werden. Ein Grund, warum wir auch unsere Idee einer Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangswanderung begraben, um den Bewohnern des Nationalparks genügend Ruhe zu verschaffen. Über den Taubensteiner Weg erreichten wir so die Aussicht auf dem Taubenstein, mit Blick ins Böhmische …

Nicht weit entfernt fand sich der Pöhligstein – wie nicht anders zu erraten, war auch diesmal ein Cache, der uns zu diesem führte. Während Erik mit der Suche nach etwas „Immergrünen“ beschäftigt war, versuchten wir indes die Inschrift zu entziffern – keine leichte Aufgabe, wurde doch die siebte und achte Zeile in der Vergangenheit schon einmal ausgebessert, so dass sich jetzt zwei Schriften überlagern.

Hier verschied
am 24.Jumi 1889
der Waldarbeiter
Wilhelm Pöhlig
aus Hinterhermsdorf
auf dem Heimweg von der
Arbeit in folge eines
Schlagflusses.
Sein Andenken gewidmet
von den Mitarbeitern.

Der Pöhligstein wurde im Jahr 1890 zum Gedenken an den Hinterhermsdorfer Waldarbeiter Wilhelm Pöhlig errichtet. Dieser war am 24. Juli 1889 auf dem Heimweg von der Arbeit. Am Lehmhübelweg hielt er noch einmal mit zwei Kameraden Rast. Während der Pause starb er plötzlich an einem Herzschlag. Es wurde vermutet, dass die Erschöpfung durch die Arbeit und auch das große Gewicht des Leseholzes, das er auf dem Rücken mit nach Hause trug, zum Herzversagen beitrug. Wilhelm Pöhlig wurde fast 58 Jahre alt. Am 27. Juli fand auf dem Friedhof in Hinterhermsdorf die Beerdigung statt. Schon bald sammelten seine Arbeitskollegen Geld für die Errichtung eines Gedenksteines, der ein Jahr später an der Stelle, an der Pöhlig gestorben war, eingeweiht wurde.

Eigentlich sah der weitere Verlauf unserer Wanderung vor, dem Königsplartz einen Besuch abzustatten, doch Christian und Erik rebellierten etwas – lagen doch bereits 15 Kilometer hinter uns. Der Wanderleiter hatte ein Einsehen und wir entschieden uns über die Neue Straße und den Hohweg zurück nach Hinterhermsdorf zu laufen. Wer hätte gedacht, dass Erik am Ende noch genug Reserven mobilisieren konnte, als es dann doch wieder Zeit wurde, einen Cache am Markt des kleinen Dörfchens zu suchen – leider blieb die Suche ergebnislos. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.

Ich hoffe, dass euch dieser Wanderbericht gefallen hat,
euer Martin

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Über Martin

Natürlich. Nackt. Frei. Seit Sommer 2015 haben diese drei Worte einen neuen Lebensweg für mich geprägt. Ich war es leid, immer wieder die richtigen Klamotten in Schuh- oder Bekleidungsgeschäften zu finden, nur um sie nach meiner nächsten Wanderung in die Waschmaschine werfen zu können. Der Bibel zufolge wurde der Mann nackt von Gott erschaffen - wir sehen dies sogar heute bei jeder Geburt, dass niemand mit einer Mütze geboren wird. Aber warum sollten wir Kleidung während einer Wanderung tragen ? Schließlich sind wir ein Teil der Natur und je mehr wir den Kontakt mit dieser erfahren, um so eher sind wir gewillt diese zu schützen. Für mich ist es daher wichtig, dass ich nicht nur meinen eigenen Körper der Natur aussetze, sondern dass meine Umwelt um mich herum geschützt wird …

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